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"Ich habe nie Angst davor, etwas Neues auszuprobieren" - Clément Jodoin im Gespräch

FREITAG, 01. SEPTEMBER 2023
Clément Jodoin im Trainerbüro des Haie-Zentrums. (Foto: Kölner Haie)

Unser Assistenztrainer Clément Jodoin steht mit 71 Jahren immer noch leidenschaftlich hinter der Bande. Dabei wollte der Frankokanadier vor einigen Jahren eigentlich schon seine Karriere beenden, bis ihn ein Anruf aus Deutschland erreichte – dieser verdeutlichte ihm einmal mehr, wie sehr er dem Eishockeysport verbunden ist. Im ausführlichen zweiteiligen Gespräch erzählt uns Clément u.a., was ihn täglich antreibt, warum auch er sich jeden Tag verbessern möchte, wie eng unser Trainerteam zusammenarbeitet und wie sich die vielen Jahre als Assistenztrainer in der NHL angefühlt haben.

Clément, warum bist du mit 71 Jahren immer noch so begeistert vom Eishockey? Schließlich könntest du jetzt auch einfach eine entspannte Zeit in der kanadischen Heimat verbringen.

„Ich war mit 65 Jahren kurz davor, meine Karriere zu beenden. Dann rief mich ein Freund an und fragte, ob ich mir vorstellen könne, für ein Jahr in Deutschland zu arbeiten. Ich bin zum Vorstellungsgespräch nach Berlin und habe den Job angeboten bekommen. Eigentlich war also geplant, vor sechs Jahren aufzuhören, aber es macht mir zu viel Spaß.“

Wie kommt das?

„Ich hatte schon immer eine große Leidenschaft für Eishockey und kann mich über meine Arbeit im Eishockey ausdrücken. Ich habe das Gefühl, nützlich zu sein und meine Expertise an die Spieler und an das Trainerteam weiterzugeben. Egal, um welche Organisation es sich handelt – ich habe nach wie vor das Gefühl, dass ich meinen Beitrag zum Erfolg leisten kann. Und das treibt mich an. Es ist mir wichtig, die Spieler jeden Tag besser zu machen, dabei aber auch darauf zu achten, dass ich jeden Tag besser werde.“

Das ist also dein Selbstbild und Ziel deiner Arbeit?

„Genau. Ich habe nicht auf alles eine Lösung und bin kein Magier – ich bin ein Teamplayer, kann Leuten gut zuhören und sauge alles auf, dazu gehören auch Ratschläge von Kollegen oder Spielern. Was in Köln sehr besonders ist, ist, dass wir als Trainerteam keine Egoismen haben, sondern als Gruppe agieren. Wenn wir etwas machen, ist es immer zum Guten des Teams, das steht über allem. Wir haben alle jeden Tag Spaß, dürfen lachen und uns amüsieren, vergessen dabei aber nie, dass es Arbeit gibt, der wir alle zu 100 Prozent nachgehen. Wenn du als Spieler zum Training kommst, musst du genau drei Dinge beachten: Zuhören, die Komfort Zone verlassen, um alles zu geben und ausführen, was das Trainerteam von dir verlangt. Als Spieler lässt du dein Ego und deine persönlichen Interessen an der Tür zur Kabine – alles, was wir ab diesem Moment hören wollen, ist das Wort ‚Wir‘.“

Mittlerweile geht es für dich bereits in die dritte Saison bei uns.

„Es ist nicht gelogen, wenn ich sage, dass wir uns jeden Tag verbessern. Wenn ich die Trainingseinheiten vor drei Jahren mit denen von heute vergleiche, haben wir einen großen Schritt nach vorne gemacht. Und das hängt einfach an vielen kleinen Details, für die wir alle einen guten Blick haben.“

Du sagst selbst über dich, dass „Eishockey dein Leben“ sei. Kannst du das definieren?

„Diesen Satz würde ich mittlerweile etwas relativieren. Eishockey war lange Zeit ein großer, wenn nicht der größte Bestandteil meines Lebens. Mittlerweile ist Eishockey Bestandteil meines Lebens. Ich habe also ein Auge darauf, was um mich herum passiert und achte mehr auf mich, meine Familie und meine Freunde. Es geht in unserem Job um drei wichtige Dinge: wir arbeiten mit Menschen, wir geben ihnen Verantwortung und wir unterstützen sie dabei. Wenn diese drei Dinge berücksichtigt werden, machen wir als Trainerteam einen guten Job.“

Stimmt die Anekdote, dass du nach der Sommerpause zurück nach Köln gekommen bist und direkt zu Uwe gesagt hast: „Pass auf, ich habe im Sommer 80 neue Übungen für die Spieler gefunden.“?

(lacht) „Das stimmt. Wenn wir als Trainer immer die gleichen Abläufe machen, fordern wir die Spieler nicht heraus. Von daher ist es immer wichtig, sich fortzubilden. Das Gute ist, dass ich nie Angst davor habe, etwas Neues auszuprobieren. Es geht bildlich gesehen immer um einen schönen Apfelkuchen mit unterschiedlichen Zutaten. Solange er schmeckt, läuft’s. Und ich bin immer auf der Suche nach neuen Rezepten oder Zutaten – unter der Prämisse, dass der Kuchen weiterhin gut schmeckt. Ich mag keine Routinen und Komfortzonen, sondern denke immer an morgen und daran, wie wir besser werden. Das ist unser Job und nicht der der Spieler.“

Womit wir wieder bei deinem Selbstbild wären: Du willst nicht nur die Spieler verbessern, sondern auch dich selbst.

„Wenn ich in meiner Komfortzone bleibe, öffne ich keine neuen Türen, aber oft verstecken sich hinter geschlossenen Türen spannende Dinge. Warum sollte ich also nicht mal anklopfen und schauen? Meine Ziele sind nicht für mich persönlich, sondern zahlen auf das Team ein. Wenn ich mich also verbessere, verbessert sich nach meiner Ansicht auch automatisch die Mannschaft. Letztlich geht es mir darum, besser zu sein als in der vergangenen Saison. Das bedeutet im Umkehrschritt, dass wir Fortschritte machen. Und darum geht’s in meiner täglichen Arbeit.“

Wie würdest du deine Rolle im Trainerteam beschreiben und definieren?

„In erster Linie kümmere ich mich um die Trainingsplanung, um die Arbeit mit den Verteidigern und in enger Absprache mit den Kollegen auch immer um Teambesprechungen – das kann vor den Spielen als Vorbereitung sein, das können aber auch thematische Meetings sein zum Über- oder Unterzahlspiel. Dabei stehen wir im Trainerteam immer im direkten Austausch. Wichtig für die Spieler ist es auch, nicht immer die gleiche Stimme zu hören.“

Da geht’s wieder um Routinen.

„Wenn ich mich um die Vorbereitung auf das erste Spiel kümmere, ist es gut möglich, dass sie zum zweiten Spiel von jemand anderem übernommen wird. Wir im Trainerteam ticken sehr ähnlich und haben viele identische Sichtweisen auf das Spiel an sich, von daher helfen wir uns bei nahezu jeder Aufgabe. Als Assistenztrainer geht es darum, den Cheftrainer bestmöglich zu unterstützen und ihm zu helfen, heißt, ihm immer offen und ehrlich sagen, was wir denken.“

Der zweite Teil des Interviews mit Clément erscheint am Samstag. Darin spricht unser Assistenztrainer u.a. über seine Zeit in der NHL, die Unterschiede zwischen europäischem und nordamerikanischen Eishockey sowie seine Hobbys.